30. Oktober 2013

Fachtagung

INKLUSION

Perspektiven für Ausbildung und Arbeit.
Von den Besten lernen.

0

„Inklusion hat viele Facetten“
Rückblick Fachtagung „Inklusion“

Man kann sich selbst feiern oder man kann eine hochkarätig besetzte Fachveranstaltung zu einem relevanten Thema durchführen. Das bbw Südhessen entschied sich anlässlich seines 30-jähirgen Jubiläums für Letzteres und lud zur Fachtagung „Inklusion“ ein – mit außerordentlich hoher Resonanz:  Mehr als 300 TeilnehmerInnen und 30 ExpertInnen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft waren nach Karben gekommen, um über Perspektiven für Ausbildung und Arbeit junger Menschen mit Behinderung zu diskutieren und sich mit der Frage zu beschäftigen, wie Inklusion realisiert werden kann.

Dass es auf dem Weg zu einer inklusiven Arbeitswelt noch einiger Schritte bedarf, machten zu Beginn der Tagung gleich zwei Expertinnen deutlich, die auch aktiv an den Verhandlungen zur UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen (UN BRK) beteiligt waren: Dinah Radtke, Mitbegründerin und Bereichsleiterin des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben e.V. und langjährige Vizepräsidentin der internationalen Behindertenrechtsorganisation Disabled Peoples International, informierte über die Hintergründe und die Besonderheiten der UN-BRK. „Mit ihr erfüllt sich die Forderung nach einem verbindlichen Instrument zur Umsetzung gleicher Rechte für Menschen mit Behinderung“, würdigte Radtke die Konvention. Mit dem neuen Leitmotiv der Inklusion – also der Anpassung des Systems an die Fähigkeiten und Bedürfnisse des einzelnen Menschen mit Behinderung – sei ein Paradigmenwechsel eingetreten. Zuvor galt als Leitprinzip die Integration, also die Anpassung des Menschen mit Behinderung an das System.

Noch Handlungsbedarf bei Umsetzung der UN BRK
Trotz aller guten Absichten und der gelungenen strukturellen Umsetzung sei aber noch Handlungsbedarf erkennbar, das machte Dr. Sigrid Arnade, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der Netzwerke behinderter Frauen, Weibernetz e. V. und von Netzwerk Artikel 3 - Verein für Menschenrechte und Gleichstellung Behinderter, deutlich. Die hohe Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung sei sogar eine Verletzung des Menschenrechtes, unterstrich Arnade. Sie forderte von den Verantwortlichen mehr inklusive Ausbildung durch betriebliche Angebote, mehr Unterstützung für Menschen mit Behinderung, auch im Sinne von Peer Support sowie die Verstetigung von erfolgreichen Modellprojekten wie Job-win-win, VAmB oder Integration inklusive.

Das Geheimnis von Good-Practice
Dass viele Arbeitgeber offen für die Ausbildung und Beschäftigung von jungen Menschen mit Behinderung sind, zeigten die Good-Practice-Beispiele. Egal, ob Handwerk, IT-Branche oder Architekturbüro: Arbeitgeber geben behinderten Jugendlichen gern eine Chance – und das über alle Behinderungsarten hinweg, wie die vier Erfolgsgeschichten veranschaulichten. „Man muss lernen, auf die Stärken der jungen Menschen zu achten, nicht auf ihre Defizite“, erklärte Christoph Quincke vom Softwareunternehmen Auticon,  das sich auf die Einstellung von Menschen aus dem Autismusspektrum konzentriert. Ein Praktikum sei dafür eine gute Voraussetzung, unterstrich Sarah Rotaru vom Büro Feldmann Architekten, in dem ein junger Mann mit Körperbehinderung  zum Technischen Zeichner ausgebildet wird. Dass das Engagement von Betrieb und Beschäftigten gegeben ist, wenn der Azubi mit Behinderung zum Arbeitsplatz passt, wurde an Hand der geschilderten Beispiele mehr als deutlich – allerdings auch, dass Arbeitgeber sich von Behörden nur unzureichend unterstützt sehen, wenn es um Informationen und Anträge auf Hilfsmittel geht – hierin waren sich Cemal Ates von der Malerleister GmbH und Torsten Brinkmann von Main IT einig.

Podiumsdiskussion: Auf dem Weg zu einer inklusiven Arbeitswelt
Man habe auf dem Weg zu einer inklusiven Arbeitswelt bereits viel erreicht, aber vieles bleibt auch noch zu tun – das  zeigte die lebhafte und zum Teil kontrovers geführte Podiumsdiskussion am frühen Nachmittag unter Leitung von Annetraud Grote (Paul-Ehrlich-Institut).

Eine „vorsichtig positive Bilanz“ zog Dr. Uwe Gaßmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der  Arbeitgeberverbände energie- und versorgungswirtschaftlicher Unternehmungen. „Es gibt inzwischen mehr Bewusstsein für dieses Thema bei den Personalverantwortlichen“, stellte Gaßmann fest und bat die Betroffenenverbände, mehr auf die Unternehmen zuzugehen. Damit interessierte Arbeitgeberinnen und -geber nicht vor unnötigen Hürden bei der Einstellung behinderten Menschen stünden, forderte er die Politik dazu auf, einen zentralen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin für Arbeitgeberinnen und -geber zu schaffen. Unterstützt wurde er in dieser Forderung von Alfons Adam, Konzern- und Gesamtschwerbehindertenvertreter der Daimler AG.  Über 700 junge Menschen mit Behinderung habe Daimler in den vergangenen Jahrzehnten ausgebildet, so Adam. Das zeige, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich ihren Beitrag im Arbeitsleben leisten könnten. „ Aber wir möchten bei dem Thema Ausbildung gerne noch mehr tun“, erklärte Adam in Karben und zeigte sich überzeugt, dass Arbeitgeber insgesamt noch aktiver werden könnten.

Als „Vorzeigeeinrichtung“ bezeichnete Richard Fischels, Unterabteilungsleiter aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das bbw Südhessen in seinem Statement. Hier werde erfolgreich Arbeit für junge Männer und Frauen geleistet, damit diese später Teil einer inklusiven Arbeitsgesellschaft werden können. Die Veränderungen, die mit der UN-Behindertenrechtskonvention und dem sich anschließenden Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN BRK  erfolgt seien, seien überall spürbar. „Inklusion hat mit Haltung und Handlung zu tun“, so Fischels. Für die weiteren Schritte zu einer inklusiven Arbeitswelt seien nun Kreativität und Vernetzung gefordert.  Als neue Haltung in den Unternehmen wünschte sich Dr. Andreas Jürgens vom Landeswohlfahrtsverband Hessen die Orientierung an den Ressourcen von Menschen und nicht an ihren Schwächen. „Am schwierigsten ist es immer, den ersten schwerbehinderten Mitarbeitenden in einem Unternehmen zu platzieren“, so seine Erfahrung.  Zudem sei es für  das Beschäftigungsengagement von Unternehmen wichtig, für Minderleistung eine Dauerleistung als Ausgleich zu beziehen. Hier hoffe er auf bessere rechtliche Grundlagen.

In Behörden müsse Inklusion mit dem verstärkten Blick auf das Wunsch- und Wahlrecht wahrgenommen werden, forderte Barbara Vieweg von der Interessenvertretung „Selbstbestimmt leben“, sonst werde Inklusion möglicherweise schnell zu einem Sparmodell, so ihre Befürchtung. „Inklusion ist in den Institutionen angekommen, aber auf dem Arbeitsmarkt eher nicht“, skizzierte Peter Weißler, Geschäftsführer Operativ der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, die regionale Situation. Inklusion sei zudem kein „Allheilmittel“, betonte Weißler weiter: „Sowohl Berufsbildungs- als auch Berufsförderungswerke haben weiterhin ihre Berechtigung.“ Dem schloss sich auch Kirsten Vollmer vom Bundesinstitut für Berufliche Bildung an. Sie warnte davor, dass sich in die Inklusionsdebatte riskante Züge mischten, wenn „Inklusionsideologen Diskussionen führen, die über die Köpfe der Betroffenen hinweg gehen“. Wichtig sei es vielmehr, offen für verschiedene Wege zu sein, um keinen Menschen zu vergessen.

Workshops: Ideen und Impulse zur Inklusion
Dass Inklusion viele Facetten hat, zeigten die verschieden Ansätze und Maßnahmen, die in den Workshops am Nachmittag vorgestellt und diskutiert wurden. Ob Peer Counseling, die besondere Förderung von Frauen mit Behinderung, Unterstützungsleistungen innerhalb und außerhalb Deutschlands oder die inklusive Entwicklung einer ganzen Region: Inklusion ist möglich – und es gibt viele gute Ideen, von denen man lernen und profitieren kann, wenn es darum geht, neue Perspektiven für ein inklusives Arbeitsleben von junge Menschen mit Behinderung zu realisieren. Gleichwohl müssen weitere Rahmenparameter geändert werden, damit es künftig sowohl für den einzelnen Menschen mit Behinderung als auch für Unternehmen selbstverständlich und einfach möglich wird, echte Teilhabe zu schaffen, von der am Ende alle Seiten profitieren können. „Inklusion ist mehr als ein Rechtsanspruch, Inklusion ist eine Forderung – Inklusion beruht auf einer veränderten Haltung aller“, so bbw-Geschäftsführerin Renée-Eve Seehof in ihrem Schlusswort. Klarer und knapper hätte man die Fachtagung nicht zusammenfassen können.

 

„English Version: Review of the Symposium”

 

In der Rubrik „Unterlagen zum Download“ finden Sie die Präsentationen der ReferentInnen, sofern sie uns zur Verfügung gestellt wurden. Außerdem stellen wir Ihnen hier zeitnah auch eine Zusammenfassung der Workshop-Kernthemen und eine Video-Dokumentation der Tagung von unseren Auszubildenden zur Verfügung (in Arbeit).